5. Kapitel, Teil 1: Und es passierte etwas, das die Menschen „Feiertage“ nennen

Mein erstes Weihnachten rückte heran. Ich hatte damals natürlich keine Ahnung, was Weihnachten ist. Und dass diese Feierei „Weihnachten“ genannt wird, wurde mir auch erst sehr viel später klar.

Was zunächst passierte: Ungefähr eine Million Menschen sind in das Haus meiner Leute eingezogen. Ich durfte niemanden verbellen, beißen oder verjagen; alle musste ich um mich herumlaufen lassen und mich ruhig verhalten. Deswegen fand ich diese Leute auch nicht sympathisch und war trotz anderslautender Befehle meiner Leinenoberen der Meinung, dass hund sie zumindest möglichst lückenlos beaufsichtigen sollte.

Können Sie sich außerdem vorstellen, wie laut es ist, wenn eine (aus Hundesicht) vielköpfige Großfamilie unter lautem Trara mit Rollkoffern anrückt?

Natürlich wusste ich vorher auch nicht, was Rollkoffer sind. Seit diesem meinem ersten Weihnachten kann ich Ihnen bellen, dass Rollkoffer erstens einen mörderischen Krach, mir darum zweitens Angst machen und ich sie drittens doof finde. Natürlich finde ich wegen dieses Krawalls auch die Menschen, die oben an den Rollkoffern hängen, doof. Denn ich habe schnell herausgefunden, dass sie den Krach machen und nicht die Koffer. Wenn die Koffer einfach in Ruhe irgendwo stehen, sind sie nämlich ganz leise. Wenn die Menschen sie aber herumziehen und hin und her wuchten, sind sie laut. Die Menschen und die Koffer.

Anmerkung der Übersetzerin: Frieda regt sich gerade wieder hündisch auf, bellt und schickt sich an, meine Trainingstasche (die gar keine Rollen hat), anzugreifen. Wir müssen mal kurz vor die Tür, um Hundegehirn und Pelz zu lüften. Bis gleich!

Weihnachten. Weihnachten ist das Fest der Liebe, behaupten alle. Die Übersetzerin sagt das auch jedes Jahr spätestens Anfang Dezember. Aber sie klingt irgendwie so, als meinte sie das nicht ganz ernst. Alle anderen schon. Es wird auch vorher geräumt wie verrückt. Und an diesem „Heiligabend“ machen sich alle schick. Auch die Hunde, wenn die nicht schnell genug weglaufen. Was Menschen eben so unter „Schick machen“ verstehen. Ich habe Bilder von Luna an Weihnachten gesehen. Die bekam dann immer ein besonderes Halsband oder ein Weihnachtsschleifchen um. Hätte ja bloß noch das Elchgeweih auf dem Kopf gefehlt! Ja, es gibt tatsächlich Menschen, die das mit ihren Hunden machen! Unfassbar!

Weihnachtshund
Ja, so etwas machen die Menschen mit ihren Hunden!

Mit mir haben sie das gar nicht erst versucht, und das ist auch gut so. Ich bin nämlich kein Weihnachtshund.

Aber ich musste miterleben, wie in jedes Zimmer des Hauses fremde Menschen einzogen, die Krach gemacht und durcheinandergeredet haben. Meistens ziemlich laut. Ich glaube ja, dass die Unterhaltung vieler Menschen gar nichts mit Verständigung und Austausch zu tun hat. Das ist wie bei einer Hundemeute im Tierheim. Da hört auch keiner zu, sondern es wird einfach vor sich hin gebellt, weil hund eben bellen muss. Menschen reden unausgesetzt, weil sie vielleicht glauben, dass sie das müssen. Und wenn das alle Anwesenden machen, ist es auch nicht viel leiser als im Hundeshelter. Ich weiß, wovon ich belle; ich habe beides erleben müssen.

Auf einmal waren auch ganz viele Menschen in der Küche. Da roch es allerdings sehr gut, weil die sich mit einem toten Vogel beschäftigt haben, der „Gans“ hieß. Der wurde in den Ofen geschoben, und der Übersetzer und eine andere Frau haben immerzu den Ofen auf und zu gemacht und irgendeine Flüssigkeit auf den Vogel gekippt. Ich habe mich jedes Mal gefragt, was das soll. Das Vieh war doch schon tot und musste nicht noch ertränkt werden! Anstatt einfach mal den Vogel in Reichweite hinzustellen und die Küche zu verlassen, damit ich armer, kleiner, hungriger Straßenhund… Menschen… Deprimiertes „Weff!“.

Den ganzen Tag wurde hin und her gerannt und gerufen, Treppe rauf und runter gepoltert, raus aus dem Haus und wieder rein ins Haus. Immer mal wieder legten sich Leute irgendwo hin und machten den Fernseher an, ein paar flöteten „Gutschigutschi“, wenn sie an mir vorbeikamen und versuchten, mich zu streicheln, und abends wurde „Prost!“ gerufen und irgendetwas getrunken, was schlecht riecht. Achja, sie haben auch noch Lichter angemacht, die an der Nase brennen, wenn hund zu dicht herangeht.

Und ich armer, kleiner Hund mitten dazwischen. Ich musste ja aufpassen, obwohl ich die ganze Zeit Angst hatte. Ich bin ein Herdenschutzhund, und meine Genetik will das so, sagt die Übersetzerin. Egal, ob ich mir vor Schiss in den Pelz mache.

Weil das so war, gab es natürlich keinen Moment der Ruhe. Meine Schlafplätze lagen allesamt im Durchgangsverkehr, dauernd ist jemand an mir vorbeigelaufen, und das Schnappen hatten mir meine Leute verboten. Mist! Weff! Weil ich mir nicht anders zu helfen wusste, habe ich gebellt, soviel und so laut ich konnte. Und das war ziemlich viel und ziemlich laut. Damals hatte ich noch eine höhere Stimme, und die Übersetzerin hat gesagt, mein Gekeife dränge durch Mark und Bein. Sollte es auch. So!

Anmerkung der Übersetzerin: Inzwischen haben wir gelernt, dass es ganz falsch war, die arme Frieda an einem Platz zu lassen, von dem aus sie den Überblick hat. Dann muss sie nämlich aufpassen, sagte unsere Hunde-Personaltrainerin. Inzwischen ist ihr Schlafplatz weit ab von eventuellem Publikumsverkehr, und wir haben alle viel weniger Stress. Aber vor drei Jahren war ich ja auch noch neu im „Hundegeschäft“…

Dann gab es noch einen Baum. Der sah aber gar nicht wie ein normaler Baum aus, sondern war mit irgendwelchem Glitzerkram behängt, und dieses Aua machende Licht war dran. Von Rechts wegen hätte ich da dranpinkeln müssen, um allen klar zu machen, dass ein Baum, der in meinem Haus steht, auch mein Baum ist. Durfte ich aber nicht. Nichts durfte ich!

Boah, glauben Sie wohl, dass ich echten Stress hatte! Ich wusste ja auch nicht, ob das jetzt immer so sein wird und die alle hier eingezogen sind. Nene, sowas braucht kein Hund!

Deswegen kann ich das alles in einem Wuff zusammenfassen: Weihnachten ist Hundekacke! Bein gehoben und drauf gepinkelt.

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